Echtzeitzahlungen am Point of Sale: Potenzial oder | NTT DATA

Dienstag, 19. Nov 2019

Echtzeitzahlungen am Point of Sale: Potenzial oder Hürde für den Handel?

Der Handel interessiert sich für eine Technologie besonders stark: Instant Payments. Momentan gibt es schon viele Anbieter und Verfahren für diese Echtzeitzahlungen am Point of Sale (POS). Doch was genau erhofft sich der Handel von der Technologie und welche Hürden können den Markterfolg bremsen? Im dritten Teil unserer Blog-Reihe zum Wettbewerb zwischen Echtzeit- und Kartenzahlung befragen wir dazu Ulrich Binnebößel.

Ulrich Binnebößel ist Referent Zahlungsverkehr, Logistik, Online-Redaktion beim Handelsverband Deutschland (HDE) e.V., Berlin. Er engagiert sich seit 1998 für die Interessen des Einzelhandels und verantwortet seit 2006 den Bereich „Zahlungsverkehr“ im HDE.

Neben der klassischen Zahlungsart mit Bargeld und den etablierten Kredit- und Debitkarten treten jetzt zunehmend auch innovative Zahlungsverfahren, wie Instant Payments, in den Blickpunkt. Diese neuen Technologien will der Handelsverband effizient und kostengünstig im Interesse des Einzelhandels gestalten.

Echtzeitzahlungen am Point of Sale

NTT DATA: Herr Binnebößel, welche Hürden muss Instant Payments aus Ihrer Sicht noch nehmen?

Ulrich Binnebößel: Zum einen wird Instant Payments heute oft losgelöst zum Girokonto behandelt, da viele Banken die Echtzeitüberweisung als Nischenprodukt sehen. In einer auf Echtzeitprozesse ausgerichteten Welt kann diese Ansicht jedoch nicht dauerhaft bestehen. Zudem kommunizierte die Politik bereits deutlich, dass die Echtzeit-SEPA-Überweisung zum „normalen“ Überweisungsweg im Massenzahlungsverkehr werden soll. Das müssen die Banken erkennen und umsetzen – die Verbraucher erwarten diese Flexibilität heute.

Banken sehen offenbar durch die Echtzeitüberweisung ihre etablierten Zahlungsprodukte gefährdet. Anders sind die oft hohen Preise für eine Instant-Überweisung kaum zu erklären. Hier sollten wir allerdings berücksichtigen, dass die etablierten Zahlverfahren sich stetig weiter entwickeln müssen. Bereits heute wird deutlich, wie zentrale Zahlungsplattformen den Markt erobern. Tatsächlich beweist die SEPA-Instant-Überweisung ihr Potenzial, etablierte Zahlungsarten zu ergänzen und sogar zu ersetzen. Beispielweise steht sie schon jetzt im Wettbewerb zur Kartenzahlung am POS und im Internet.

NTT DATA: Wie weit ist die Standardisierung bei Instant Payments schon fortgeschritten?

Ulrich Binnebößel: Momentan gibt es noch keinen einheitlichen Standard, sondern mehrere Insellösungen. Mit einer effizienten Umsetzung des SEPA-Standards SCTinst könnten Zahlungen kostengünstig und mit schlanken Prozessen umgesetzt werden.

Hier steht ganz klar die Frage im Fokus: Wie kann das Potenzial von Instant Payments so genutzt werden, dass Verbraucher und Anwender zufrieden sind, aber auch für die Banken ein attraktives Geschäftsmodell entsteht? Und wie können Echtzeitzahlung praktikabel autorisiert werden? Der Kunde muss in jeder Einkaufssituation eine Zahlung sicher und selbstbestimmt auslösen können. Beispielsweise möchten Kunden an der Kasse im Discounter eine Echtzeitüberweisung im Girokonto schnell und bequem durchführen. Leider hat der Gesetzgeber mit dem starken Prozess der Kundenauthentifizierung hier hohe technische Hürden gesetzt. Eine Zahlungs-App muss dies aber lösen können. Das stellt eine machbare Herausforderung für alle Banking-Apps dar.  

NTT DATA: Es gibt heute bereits ein konkretes Lösungsverfahren: HIPPOS. Was steckt dahinter?

Ulrich Binnebößel: Das Denkmodell von HIPPOS beschreibt die Optionen einer sicheren Übertragung von Zahlungsinformationen vom Händler an den Kunden, um eine Echtzeitzahlung auszulösen. Dazu werden die Zahlungsinformationen über NFC (Near Field Communication) oder QR-Code an das Smartphone des Kunden übertragen, so dass dieser die Eingaben nicht per Hand machen muss.

NTT DATA: Damit der Kunde HIPPOS nutzen kann, wird eine Banking App benötigt. Gibt es Ideen für einheitlich standardisierte Backends der Banken?

Ulrich Binnebößel: Das HIPPOS-Modell beschreibt die Übergabeschnittstelle von der Kasse des Händlers zum Device des Kunden. Konkret wird der Zahlungsbetrag, die IBAN des Händlers und eine Zuordnungsnummer übergeben – alle Daten, die zur Auslösung einer Überweisung nötig sind. Die Banking Apps können diese Informationen aufnehmen und die Zahlung letztendlich auf gewohntem Weg auslösen.

Dieses Modell spricht alle Banken an, sodass diese jetzt in die Umsetzung gehen können.

Als offener Standard, der durch die renommierte und unabhängige Standardisierungsorganisation GS1-Germany gehalten wird, gibt es keine Anbieter-Ausschlüsse. Die Weiterentwicklung soll gemeinschaftlich erfolgen.

Zum Beispiel hat die OTTO-Einzelgesellschaft gemeinsam mit der OTTO Group und der Hanseatic Bank die Initiative ergriffen und auf Basis von HIPPOS eine neue Programmierschnittstelle (API) entwickelt. Damit kann OTTO sofort Zahlungen per Instant Payments empfangen und direkt mit den OTTO Kundenservices verknüpfen.

NTT DATA: Wie hoch schätzen Sie den Implementierungsaufwand, für Endkunden und Händler ein, um an HIPPOS teilzunehmen? Genauer gesagt: was muss ein Endkunde bzw. Händler aufwenden, um an HIPPOS teilzunehmen?

Ulrich Binnebößel: Händler müssten ihre Kassen oder Zahlungsterminals anpassen und ein System zur „Beobachtung des Zahlungseingangs“ entwickeln. Zudem fällt ein einmaliger geringer Registrierungsaufwand an. IT-Dienstleister für den Handel können hierbei helfen und beispielsweise entsprechende Updates der Terminals anbieten und unter anderem die Registrierung übernehmen. Endkunden können teilnehmen, sobald ihre Bank oder ein Zahlungsauslösedienstleister eine entsprechende App anbietet.

NTT DATA: Hat Instant Payments die Zugkraft um mobilen Bezahlverfahren am POS zum Durchbruch zu verhelfen?

Ulrich Binnebößel: Instant Payments können durchaus Erfolgsgeschichte schreiben, insbesondere die SEPA-Echtzeitüberweisung hat großes Potenzial – schließlich handelt es sich um einen offenen europäischen SEPA-Standard.

Allerdings muss der Gesamtprozess des Bezahlens insgesamt einen klar ersichtlichen Mehrwert für Endkunden bieten. Erste Unternehmen testen bereits integrierte Apps. Hier können Kunden beim Bezahlen beispielsweise Coupons einlösen, Punkte sammeln und weitere Mehrwerte erhalten. Zunehmend können Verbraucher ihre Ware selbstständig scannen.

 

Solche Selbstbediener-Kassen finden wir bereits im Lebensmittelsektor, in Möbel- und Baumärkten sowie in Sportgeschäften. Insgesamt wird sich die Entwicklung in diese Richtung bewegen und den möglichst schlanken Check-Out ermöglichen.

Mein Fazit ist daher: Die Echtzeitzahlung am POS hat großes Potenzial – sowohl für die Endkunden als auch für Handel und Banken. Die Konsumenten treten hier mit Produkten, Marken und Payment-Lösungen im gesamten Wettbewerbsfeld in Kontakt. Auch der preisgetriebene Handel muss sich mit innovativen Konzepten positionieren und interessiert sich für neue, innovative und insbesondere kostengünstige Bezahlmöglichkeiten. Daher ist es notwendig, dass die deutsche Kreditwirtschaft und der Handel enger zusammenarbeiten und gemeinschaftlich positive Entwicklungen vorantreiben.

NTT DATA: Vielen Dank für die umfangreichen Einblicke, Herr Binnebößel!

NTT DATA berät Banken, Versicherungen, Automobilhersteller, Handel und Logistikunternehmen zu Payment-relevanten Themen End-to-End, von der Strategie über die Konzeption bis hin zur Umsetzung.


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