Für viele Versicherer scheint es zunächst sinnvoll, die Modernisierung ihrer Kernsysteme aufzuschieben, um Risiken zu begrenzen. Die Systeme laufen zuverlässig, regulatorische Pflichten werden erfüllt und Betriebsunterbrechungen vermieden. In einer Branche, in der Stabilität und Kontrolle oberste Priorität haben, gilt es daher häufig als umsichtig, umfassende Veränderungen zu vertagen.
Doch während die unmittelbaren Risiken einer Modernisierung klar erkennbar sind, bleiben die Kosten des Aufschubs oft verborgen. Je länger die Modernisierung der Kernsysteme hinausgezögert wird, desto stärker steigen Komplexität und operative Risiken - und desto schwieriger und disruptiver werden spätere Transformationsvorhaben. Zugleich sinkt die Innovationsfähigkeit, weil die verfügbaren Umsetzungskapazitäten in die Pflege bestehender Systeme fließen, statt neue Funktionen bereitzustellen.
Die Wettbewerbsfähigkeit schwindet dadurch schleichend. Produktverbesserungen brauchen länger, Prozessoptimierungen werden vertagt - oder lassen sich, wie im Fall von Agentic AI, gar nicht mehr umsetzen - und Chancen zur Differenzierung durch neue Services bleiben ungenutzt.
Die Systeme mögen stabil bleiben, doch das Unternehmen insgesamt reagiert immer langsamer auf Marktveränderungen. Agilere Wettbewerber können dadurch schneller vorankommen.
Wenn Stabilität wachsende Komplexität verdeckt
Kernsysteme von Versicherern sind darauf ausgelegt, dauerhaft konsistent und fehlerfrei zu funktionieren. Solange Policen ausgestellt, Schäden reguliert und Berichte erstellt werden, erscheint die Umgebung stabil.
Unter der Oberfläche nimmt die Komplexität jedoch stetig zu. Jede Behelfslösung für eine neue Anforderung, jede Punkt-zu-Punkt-Integration zwischen Systemen und jede manuell bearbeitete technologiespezifische Ausnahme machen die Betriebsumgebung unübersichtlicher.
Für sich genommen bleiben diese Änderungen beherrschbar. In ihrer Gesamtheit führen sie jedoch dazu, dass Systeme schwieriger zu verstehen, zu testen und anzupassen sind.
Da sich die Auswirkungen nur allmählich aufbauen, werden sie selten als dringend wahrgenommen. Das System läuft weiter, doch der Aufwand für Veränderungen steigt überproportional.
Das Know-how-Risiko wächst mit alternden Legacy-Landschaften
Eine weitere Folge des Aufschubs ist die zunehmende Abhängigkeit von einem immer kleineren Kreis an Legacy-Fachkräften. Viele Versicherungsumgebungen basieren auf älteren Technologien, für deren Betreuung zunehmend weniger Spezialistinnen und Spezialisten ausgebildet werden. Mit der Zeit konzentriert sich das notwendige Wissen auf wenige Personen.
Daraus entsteht ein operatives Risiko, das leicht unterschätzt wird. Ist kritisches Wissen weder breit verteilt noch ausreichend dokumentiert, dauern Routineänderungen länger und unerwartete Probleme lassen sich schwerer beheben. Die Rekrutierung wird anspruchsvoller, die Einarbeitung dauert länger und auch die Nachfolgeplanung wird komplexer.
Dadurch steigen die Kosten für den Erhalt bestehender Systeme.
Aufgeschobene Modernisierung erhöht Sicherheits- und Compliance-Risiken
Sicherheits- und Compliance-Anforderungen entwickeln sich kontinuierlich weiter - unabhängig davon, ob sich die Infrastruktur ebenfalls weiterentwickelt. Legacy-Plattformen wurden weder für moderne Bedrohungsszenarien noch für heutige Datenschutzstandards oder Audit-Anforderungen konzipiert.
Wird die Modernisierung vertagt, reagieren Versicherer auf neue Anforderungen häufig mit kompensierenden Kontrollen. Zusätzliche Monitoringtools, manuelle Prüfungen oder parallele Berichtsprozesse sollen die entstehende Lücke schließen. Diese Maßnahmen können unmittelbare Risiken zwar reduzieren, erhöhen jedoch zugleich den operativen Aufwand und die Komplexität.
Die Einhaltung regulatorischer Vorgaben wird dadurch mit der Zeit immer arbeitsintensiver. Jede regulatorische Änderung erfordert mehr Abstimmung und Validierung, wodurch sowohl Kosten als auch Risiken steigen. Je länger die Modernisierung aufgeschoben wird, desto schwieriger lassen sich die Systeme an neue Verpflichtungen anpassen.
Der Aufschub verschärft das Risiko künftiger Transformationen
Die möglicherweise bedeutendsten versteckten Kosten entstehen durch die Auswirkungen des Aufschubs auf spätere Transformationsvorhaben. Werden Veränderungen vertagt, häufen sich technische Schulden rasch an, Abhängigkeiten nehmen zu und Dokumentationen veralten. Der Umfang der zu lösenden Aufgaben wächst.
Das nächste Transformationsprogramm muss dadurch mehr Probleme gleichzeitig bewältigen. Aus einer schrittweisen Modernisierung wird ein großes, risikoreiches Vorhaben: Zeitpläne verlängern sich, Budgets steigen und Stabilisierungsphasen dauern länger.
So entsteht ein Teufelskreis. Weil das nächste Programm größer und riskanter wird, wächst die Zurückhaltung, es überhaupt zu beginnen. Der Aufschub verlängert sich und die Komplexität nimmt weiter zu.
Nichtstun birgt langfristige Risiken
Core-Modernisierung wird leicht als optional betrachtet, solange kein eindeutiger Handlungsdruck besteht. Kurzfristige Stabilität kann dabei beruhigend wirken. In der Praxis hat ein Aufschub jedoch kumulative Folgen. Komplexität, Kosten und Risiken nehmen weiter zu, auch wenn unmittelbar keine Veränderungen sichtbar sind.
Der Verzicht auf Modernisierung kann kurzfristige Störungen vermeiden, macht spätere Veränderungen jedoch häufig schwieriger und weniger vorhersehbar. Diese versteckten Kosten erscheinen nur selten in der Bilanz oder im Risikoregister. Dennoch beeinträchtigen sie langfristig Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz.
Das bedeutet nicht, dass Versicherer überstürzt groß angelegte Transformationsprogramme starten sollten. Es bedeutet jedoch, anzuerkennen, dass Nichtstun keine neutrale Entscheidung ist. Führende Versicherer wissen, dass es nicht mehr darum geht, ob sie modernisieren, sondern wie sie dabei ihre langfristigen Risiken reduzieren, statt sie weiter zu erhöhen.
IHR NÄCHSTER SCHRITT
Lesen Sie das NTT DATA E-Book Driving intelligent change in insurance und erfahren Sie, wie Versicherer die Hürden der Core-Modernisierung kontrolliert und wertorientiert angehen.